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                                                                                    Amul solo                                                                                                                                                                                                                                                                                       Nun stehe ich da, am Hafen von Barra und schaue zu wie die letzte Fähre gerade vor meiner Nase abfährt. Was jetzt? Wir hatten uns so beeilt, doch leider ohne Erfolg. Ich blicke zu meinen beiden Begleitern hinüber, welche sich miteinander unterhalten. Da ist Amadou, der Chauffeur, welcher uns sicher und umsichtig von Dakar bis hierher fuhr und Aly, mein Bekannter aus Banjoul, der mich für ein paar Tage zu sich und seiner Familie eingeladen hat. Aly sieht mich an und lacht: „Wir werde schon eine Lösung finden! Amul solo! Warte hier!“ Er verschwindet im Gedränge, welches im Hafen gross ist und ich bleibe mit Amadou beim Wagen zurück. Die Dämmerung hat eingesetzt und es wird schnell dunkel. Kurze Zeit später kommt Aly in Begleitung von zwei jungen Burschen zurück. „Es fährt noch eine Pirogge nach Banjoul, Amadou bleibt beim Wagen und kommt morgen nach. Komm wir müssen gehen!“ Die jungen Männer schultern unser Gepäck und verschwinden im Getümmel. Schnell verabschiede ich mich von Amadou und versuche Aly zu folgen, was in der zunehmenden Dunkelheit und inmitten all der Menschen nicht einfach ist. Endlich kommen wir zu den Piroggen, welche mit dem Bug auf dem Strand liegen. Es sind riesige Schiffe, eine Art Kanu, vorne am Bug mindestens mannshoch. Sie werden zum Fischfang auf dem Meer benutzt. Wie um Gotteswillen soll ich denn da einsteigen? Hoch ragt der Bug vor mir in den nächtlichen Himmel. Ich bemerke, wie unsere Koffer in das Schiff gehoben werden. Diese jungen Fischer sind erstaunlich. Sie klettern behände und flink wie Seiltänzer auf den hohen Schiffswänden herum. Ich suche nach einer Möglichkeit in die Pirogge zu klettern. Da kommt einer der jungen Männer auf mich zu. Er lacht mich an: „amul solo!“ und geht vor mir auf die Knie, indem er mir bedeutet, dass ich mich auf seine Schulter setzten soll. Beherzt steige ich auf. Jetzt ist es mir ohne grosse Schwierigkeiten möglich, von diesen Schultern ins Boot zu steigen. Ausserdem werde ich von starken Händen empfangen, welche mich in die Pirogge heben. Nun noch ein gewagter Balanceakt zur Mitte des Bootes, wo ich mich erleichtert auf einen Platz an der Schiffswand setzte. Ja wirklich, es gibt scheinbar in Afrika immer irgendeine Lösung, amul solo!                                                                                      Erst jetzt habe ich Zeit, mich im Boot umzusehen. Es ist bereits voll gestopft mit Körben, Ballen, Koffern und Menschen. Frauen sitzen dicht zusammengedrängt mit ihren Kindern im Boot. Die meisten sehen ängstlich aus und beten ohne Unterlasse. Die Männer geben sich gelassener, plaudern und lachen. Es gibt jedoch auch einige, welche den Rosenkranz beten. Immer mehr Gepäck wird eingeladen, immer mehr Menschen kommen ins Boot und suchen sich einen Platz. Dann bemerke ich, dass keine neuen Passagiere mehr kommen. Wir scheinen bereit zur Abfahrt. Inzwischen ist es völlig dunkel geworden. Über den Rand der Pirogge kann ich am andern Ufer, weit entfernt, Banjuls Lichter sehen. Ich wollte, ich wäre  schon dort! Durch das Gedränge beim Einsteigen, bin ich schmutzig und nass geworden. Auch im Boot selbst ist alles nass. Mir ist kalt. Die Passagiere sind leiser geworden. Nur noch das Gemurmel der Betenden ist zu hören.                                                                     Ich überlasse mich meinen Gedanken. Heute habe ich einen richtig afrikanischen Tag erlebt. Dies begann schon mit der Abfahrt in Dakar, wo wir erst die Bremsen des alten Mercedes reparieren mussten, bevor wir losfahren konnten. Dadurch hatten wir mindestens drei Stunden Verspätung. Aly, mit seiner optimistischen Art hatte jedoch gemeint, dass dies überhaupt kein Problem sei. Amol solo, wir werden es schon schaffen. Dann die Schwierigkeiten unterwegs: schlechte Strassen, Umleitungen über Sandpisten, Polizisten, die uns aufhielten, langes Warten am Zoll, an der Grenze zu Gambia. Ich staune immer wieder, wie gelassen die Menschen hier mit den Widrigkeiten und Unvorhersehbarkeiten umgehen können. Sie sind sehr innovativ und kreativ im Lösen von Problemen. Auch lassen sie sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen, wenn etwas nicht nach Plan verläuft. Sich im Moment auf eine Situation einlassen zu können, die Dinge zu nehmen wie sie sind, das ist für mich eine der grossen Stärken der Afrikaner.                                                                                                                                Ich schrecke aus meinen Gedanken auf. Die Menschen im Boot werden unruhig. Laute Rufe ertönen. Ich frage meinen Nachbarn was los ist. Er erklärt mir: „Die Fischer sind auf der Suche nach Benzin, amul solo“. Dann endlich kommen sie zurück. Sie tragen Kanister auf den Schultern, füllen den Tank und es kann losgehen.                                                                    Die schwere Pirogge wird vollends ins Wasser geschoben und tuckert langsam im Rückwärtsgang ins freie Gewässer, wo sie wenden kann. Dann heult der Motor auf, und wir fahren mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf die Mündung des Gambia hinaus. Im offenen Gewässer sind die Wellen hoch. Durch das Auf und Ab der Pirogge bekommen die Menschen Angst. Da nur wenige schwimmen können, muss diese Fahrt für die meisten ein Horrortrip sein. Die Frauen beginnen laut zu jammern oder zu beten. Auch viele Männer beten. Kinder weinen. Eine junge Mutter neben mir schaut mich mit flehenden Blicken an. Sie hat zwei kleine Kinder bei sich, kann aber nur das Baby auf dem Schoss halten. Das grössere klammert sich an sie und weint jämmerlich. Ich nehme die Kleine auf den Schoss und versuche sie zu beruhigen. Die Mutter schaut mich dankbar an. Unbeirrt pflügt sich unser Boot durch die Wellen. Endlich habe ich den Eindruck, dass die Lichter unseres Ziels näher kommen.                                                                                                                                                                                   Dann der knirschende Sand unter dem Bug,  wir kommen mit einem Ruck zum Stehen. Sofort stehen alle auf und versuchen eilig vom Boot zu kommen. Es gibt ein grosses Gedränge und Geschubse. Die Fischer schreien laut Befehle und beginnen das Gepäck auszuladen. Auch die Passagiere beginnen zu lamentieren. Nach der verhaltenen, angstvollen Ruhe an Bord bricht die Lebendigkeit mit voller Kraft durch. Ich habe immer noch die Kleine auf meinen Armen. Aly ist einer der Ersten, die auf dem sicheren Sand stehen. Er kümmert sich um unser Gepäck. Ich gehe langsam und vorsichtig mit der Kleinen zum Bug. Sie klammert sich an mich und hat grosse Angst. Ihre Mutter ist vor mir und schaut immer wieder zurück. Sie hat jetzt ausser dem Baby auch noch ihr Gepäck in der Hand. Die Fischer helfen ihr vom Boot. Dann wird mir das Kind abgenommen und seiner Mutter nachgereicht. Ich stelle mich auf den Rand des Bootes und sehe tief unter mir den Boden. Die Luft anhaltend, lasse ich mich fallen. Endlich wieder festen Boden unter den Füssen!                                                                                                          Ich gehe zu Aly, der beim Gepäck auf mich wartet. Mit den Koffern beladen gehen wir auf die ersten Häuser von Banjul zu. In den Strassen gibt es keine Strassenlampen. Nur aus den Hauseingängen fällt ab und zu Licht auf unseren Weg. Aly geht, obwohl schwer beladen, sehr schnell, ich habe Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Weit vor uns sehe ich jetzt Licht. „Wenn wir dort sind, können wir uns ein Taxi nehmen!“ ruft mir Aly zu. Aus einer kleinen Nebenstrasse kommt eine Gruppe junger Männer und folgt uns. Meine ganzen Sinne sind nach hinten gerichtet. Werde ich nächstens überfallen? Ich drehe mich um und schaue der Gruppe entgegen. Sie verlangsamen ihre Schritte, bleiben etwas zurück. Inzwischen ist Aly bereits auf der hell erleuchten Strasse angekommen. Ich sehe, wie er um die Ecke biegt und verschwindet. Ich versuche noch schneller zu gehen. Die paar Meter bis zur Strasse scheinen mir Kilometer. Wieder schaue ich zurück, meinen Verfolgern direkt ins Gesicht. Einer von ihnen hebt die Hände, lacht mich an und ruft mir zu: „Amul solo!“                                                                                           Dann endlich habe ich es geschafft. Ich entdecke Aly, der bereits mit einem Taxi verhandelt. Erleichtert lasse ich mich in die Autopolster fallen. Ich bin erschöpft und nass und fühle mich ausgesprochen schmutzig. Mein einziger Wunsch ist es jetzt, so schnell wie möglich unter eine Dusche zu kommen, in ein Bett zu fallen und zu schlafen.                                                                                                                                                                                                                                                                                                            

                       Auberge Keur Diame-Parcelles assainies unité 15-Villa n° 15-Dakar(Sénégal)-Hotel-Chambres d’hotes-Pension                                                                     Tel : +221 33 855 89 08  (+221 33 855 27 77)