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                                                                           Zwischen zwei Welten                                                                                                                                                                                                                                                                           Zwei Monate in der Schweiz, das ist erst mal wunderschön. All das viele Grün, die Seen, die Berge....  Nachdem ich nun bereits vier Jahre in Senegal lebe, sehe ich das alles, als ob es das erste Mal wäre. Und doch..... Alles ist vertraut, bekannt.... Es ist eine Reise in die Vergangenheit. Überall, wo ich auch bin, kommen Erinnerungen hoch. Erinnerungen an ein Leben das ich einmal gelebt habe. Viele fragen mich, ob ich nicht lieber wieder in der Schweiz leben würde? Die Antwort ist gar nicht so einfach.  Eigentlich bin ich sehr zufrieden mit meinem neuen Leben in Afrika. Nur manchmal, wenn ich ob der typischen Schwierigkeiten, mit denen ich mich hier in Senegal herumschlage, nerve, denke ich an die Schweiz. Und schon bin ich mitten drin in meinem Leben zwischen den Welten......                                                                                                                           Die ersten Tage in der Schweiz standen unter dem Zeichen eines kleinen Kulturschocks. Alles ist so sauber, wohl geordnet, die Geschäfte überladen mit Angeboten, in der Stadt überall Automaten, die es zu benützen gilt, Abfallkörbe und Aschenbecher an jeder Ecke, im Restaurant brauche ich einen Code, um auf die Toilette zu gehen...... Ich bin überfordert, die ersten Tage in „meiner“ Stadt. Das Gefühl, sich nicht auszukennen, fremd zu sein und gleichzeitig diese  Vertrautheit..... Ganz schön verwirrend, mir schwirrt nach spätestens zwei Stunden der Kopf. Es ist kurios, wenn ich in einwandfreiem Berndeutsch jemanden um Hilfe bitte, benötigt eine Erklärung. Wie z.B. die Situation im Parking der Migros, kein Schlagbaum, kein Ticket das ich ziehen muss, dafür ein Automat beim Lift. Ich sehe dass die Leute sich dorthin begeben, bevor sie in den Lift steigen. Also machte ich es ihnen gleich. Erstes Problem: ich hätte mir die Nummer des Parkplatzes merken sollen! Also nochmals zurück zum Wagen, Nummer merken, wieder zum Automaten. Nummer eingetippt, der Automat sagt mir, dass ich bezahlen soll, doch nicht wie viel. Wie kann ich das denn jetzt wissen? Ich stehe wie der Esel vor dem Berg. Sehe mich um, eine nette Frau steht hinter mir und schaut mir zu. Ich bitte sie um Hilfe, natürlich auf Berndeutsch, daher erkläre ich auch, dass ich einige Jahre nicht in der Schweiz gelebt hatte. Sie lacht, sagt, das Parking ist die ersten 1 ½ Stunden gratis, sie drücken einfach auf o.k. dann hat sich das Ganze. Dann meint sie, dass auch sie mit all den Automaten und Knöpfen, die es heute zu betätigen gilt ihre liebe Mühe habe. Bei mir denke ich, dass es für alte Leute sicher noch schwieriger sein muss. Fühle mich alt, out, dumm.       Dann der erste Einkauf in der Migros. Ich stehe vor den Auslagen bei Gemüse und Früchten. Diese Vielfalt! Vieles habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich stehe da und staune, kann mich nicht entscheiden, was ich nehmen soll. Will mir Zeit lassen, werde dabei angerempelt, zur Seite geschoben, stehe im Weg. Die Menschen hasten durch das Geschäft, werden ungeduldig, sind unfreundlich. Ich fühle mich total fehl am Platz. Unmöglich eine Ecke zu finden, in der ich mir in aller Ruhe die Auslagen ansehen kann. Das Gleiche beim Fleisch, Käse, in den anderen Abteilungen. Ich werde hastig, nehme ohne zu wählen, versuche so schnell als möglich raus zu kommen. Die wichtigsten Dinge kann ich kaufen, den Rest lass ich bleiben. An der Kasse will ich ein T-Shirt der Verkäuferin direkt geben, es nicht aufs Band legen, löse dabei den Alarm aus. Wieder ein paar Sekunden Stress. Dann die Eile mit der ich meine gekauften Sachen einpacken muss. Der Einkauf des nächsten Kunden wird schon in mein Fach runtergelassen, der Kunde steht ungeduldig hinter mir, will einpacken. Ich verschwinde so schnell als möglich, atme auf, als ich draussen bin. Wenn ich in Dakar in den Supermarkt gehe, ist alles sehr viel gemütlicher. Meistens hat es nicht viele Leute, ruhig und gemütlich schieben die Kunden die Einkaufswagen durch die Gestelle. An der Kasse wird mein Einkauf von einem Angestellten aufs Band gelegt, der packt dann auch gleich alle Waren säuberlich ein, schiebt meinen Einkaufswagen bis zum Auto auf dem Parkplatz, lädt alles ins Auto ein und schiebt den Einkaufswagen weg, nachdem er ein kleines Trinkgeld erhalten hat. Ich brauche nur noch ins Auto einzusteigen und nach Hause zu fahren.                                          In den Strassen der Stadt die Leute. Sie hasten, haben es eilig. Ich sehe sehr wenige Gesichter lachen. Ich schlendere durch die Stadt, sehe mir die tollen Schaufenster an. Was es da alles zu kaufen gibt! Ab und zu gehe ich in ein Geschäft hinein. Dann setzte ich mich in ein Strassenkaffee. Ich möchte gerne zu meinem Kaffee ein Glas Wasser. Für dieses kleine Glas Leitungswasser verrechnet man mir 2.00 Fr. Dabei hat die Schweiz doch eigentlich aktuell sogar zu viel Wasser!? Die Matte ist überschwemmt, die Aare ist mindestens 3 mal so breit und fliesst durch die Strassen. Sicher, es geht um Geld, um Einnahmen. Aber ein Glas Wasser zu einem Kaffee? Etwas, das mich im Senegal so beeindruckt: niemandem wird Wasser vorenthalten, das bekommt man überall und erst noch gratis. Dabei ist es hier wirklich nicht selbstverständlich, vielleicht gerade deshalb? Während ich im Strassenkaffee sitze, denke ich an Dakar, vergleiche. Dort wäre es unmöglich, sich an einen Tisch mitten auf der Strasse zu setzten. Sofort wäre Frau umringt von Händlern, Bettlern, die nicht locker lassen würden, bis ich Geld rausrücke. Daher sind die Kaffees abgeschirmt, von Mauern umgeben. Wächter stehen am Eingang und hindern die Bettler am Eindringen. In Dakar kann ich auch nicht gemütlich durch die Strassen schlendern. Ständig muss ich dankend ablehnen, die Händler, die Bettler abwimmeln. Daher geniesse ich die Fussgängerzonen in der City. Keine Autos, richtig gemütlich! Einzig gefährlich sind die Fahrräder, welche ich als sehr rücksichtslos erlebt habe. Beeindruckend auch die Fussgängerstreifen: Ich bin noch nicht mal am Randstein, schon halten die Autos an! Welche Disziplin! Es macht Spass, ich freue mich darüber. Muss natürlich selber auch halten, wenn ich hinter dem Steuer sitze. Der neue Bundesplatz, diese Choreographie der Springbrunnen, daneben nur ein leerer Platz. Bei schönem Wetter sitzen die Menschen am Boden, sehen den Kindern zu, wie sie nackt durch das Wasser rennen. Auch das wäre in Dakar unmöglich. Ich empfinde dieses Bild als Luxus, geniesse es ausführlich, sehe mich an dieser friedlichen Szene satt.                                                                                     Richtig, ich habe während meinem Aufenthalt in der Schweiz meine beiden Leben ständig verglichen. Eigentlich ist das gar nicht möglich. Die zwei Länder sind so total verschieden: Die Sauberkeit in der Schweiz, all der Dreck in Dakars Strassen; disziplinierte Autofahrer oder Fussgänger in den Strassen von Bern, in Dakar das reine Chaos; in der Stadt geht jeder für sich, keiner kümmert sich um den andern, in Dakar wird ständig gegrüsst, alle reden mit allen; mit welchem Schweizer Polizisten könnte ich über eine Busse verhandeln und diese vermeiden, indem ich ihm etwas Geld gebe? Beide Leben haben ihre Vor- und Nachteile. Schwierig für mich, zu entscheiden wo es besser ist. Ich habe Senegal gewählt. Dies ist im Moment mein Zuhause, hier fühle ich mich auch wohl. Eines weiss ich jedoch gewiss: ich kann Euch nicht wirklich sagen, wo es besser ist zu leben.......                                                                                                                                                                                     21.09.2006   Ruth Isenschmid                       Auberge Keur Diame-Parcelles assainies unité 15-Villa n° 15-Dakar(Sénégal)-Hotel-Chambres d’hotes-Pension                                                                                                Tel : +221 33 855 89 08  (+221 33 855 27 77)